Einen besseren Ort hätten die Gründer vor hundert Jahren wohl kaum finden können: den anspruchsvollen
Müggelsee vor der Haustür und die ruhigen Rahnsdorfer Bänke zum Festmachen. „Hier kannst du dein Boot mit
Schnürsenkeln anbinden, so sicher liegt es bei uns“ – so begrüßte noch vor kurzem der Hafenmeister eine neue
Sportsfreundin.
Am 13. Juli 1926 hatten 21 Segelenthusiasten den Seglerverein Rahnsdorf gegründet, ohne Geld, dafür mit viel
Mut und Energie. Die 44.000 Reichsmark für das Wassergrundstück wurden über einen Kredit finanziert. In zwei
Jahren Arbeitsdienst entstanden Stege und Bootsschuppen, und schon in den Dreißigerjahren entfaltete sich ein
reges Vereinsleben. Der Krieg ließ Vereinshaus und Boote zum Glück unversehrt. Ein Feuer nach einem Luftangriff
der Alliierten konnte von den Frauen des Vereins, die Tag und Nacht Brandwachen hielten, rechtzeitig gelöscht
werden.
Es begann die Zeit als Betriebssportgemeinschaft. BSG Motor Ost, TSG Oberschöneweide, BSG
Fernsehelektronik – unter wechselnden Vereinsnamen entwickelte sich eine feste Gemeinschaft. Viele Familien
bevölkerten an den Wochenenden die Kojen, vermaßen den Müggelsee, feierten spektakuläre Feste. Vor allem
aber erarbeiten sich die Rahnsdorfer einen Ruf als starke Regattasegler. Neben vielen anderen sei Horst Hermann
als regelmäßiger Sieger bei zahlreichen nationalen Regatten genannt (Finn, O-Jolle, 20er Jollenkreuzer, Zehner).
Herausragend auch der WM-Sieg von Ilja Wolf und Bernd Klenke auf dem FD 1974.
Stark war immer auch unsere Rahnsdorfer Jugendgruppe, die als Trainingszentrum (TZ) viele junge Segler aus
anderen Vereinen anzog. Viermal in der Woche wurde trainiert, das Ergebnis war eine lange Liste von DDR-
Meistern und Spartakiadesiegern, darunter Ralf-Dieter Frase, Jörg und Ingo Herrmann, Eiko Powilleit. Die intensive
Jugendarbeit wurde nach der Wiedervereinigung fortgesetzt. Aus der Rahnsdorfer Trainingsgruppe erwuchsen drei
Olympiateilnehmer: Alexander Baronjan (Windsurfen 2000 in Sydney), Lucas Zellmer (470er 2004 in Athen), Robert
Stanjek (Starboot 2012 in London und Weltmeister 2016).
Lange Jahre engagierte sich unser Urgestein Peter Fechner federführend für die Jugend. Nachdem er in den
Trainer-Ruhestand gegangen war, folgte zunächst ein Flautenloch. Ein neues Konzept mit teilzeitangestelltem
Trainer, ehrenamtlichen Helfern, engagierten Eltern und aufgefrischtem Bootspark sorgt jedoch seit einigen Jahren
für neuen Aufwind. So hat Henry Hübener, der aktuelle Deutsche Meister im Opti, bei uns an den Bänken Segeln
gelernt.
Unterdessen kämpfen wir, wie viele andere Wassersportvereine, mit überzogenen Umweltauflagen und – nach dem
Verlust des halben Vereinsgeländes in der Wendezeit – mit neuen offenen Grundstücksfragen. Zunehmende
Sorgen bereitete uns die Verflachung der Einfahrt zum Müggelsee. Der Verein organisierte – und bezahlte –
schließlich das Ausbaggern und ist auch künftig dafür zuständig.
Das Vereinsleben wandelt sich, wie überall. Den SVR als Regatta-Hotspot gibt es noch: Jahr für Jahr organisieren
wir den populären Opti-Pokal im Frühjahr und den Müggelpokal der O-Jollen. Aber die aktive Regattatätigkeit
außerhalb des Jugendbereichs geht zurück, wenn auch die Boote am Steg größer und teurer werden. Das
vollzählige Stelldichein der Mitglieder am Wochenende ist Vergangenheit. Viele sind Gelegenheitssegler, kommen
bei schönem Wetter vorbei für einen Schlag auf den See. Immer beliebter wird der Müggel-Cup mit Yardstick-
Wertung, viermal im Jahr ausgetragen und abwechselnd von den vier Anliegervereinen organisiert. Nicht zu
vergessen der Rommé-Cup, für den die Crew der Senioren bei bei so mancher Flasche Rotkäppchen Runde um
Runde dreht.
Die Magie aber bleibt. Die oben erwähnte Sportsfreundin beschreibt es so: „Wenn es abends ruhiger wird, die
Enten und Gänse die Wiese zurückerobern, die Sonne am Horizont versinkt und das Froschkonzert beginnt, dann
zeigt sich der wahre Zauber dieses Ortes. Spätestens beim letzten Anlegebier, wenn der Sternenhimmel oder ein
heller Vollmond über den Masten steht, weiß man als Großstädter: Es gibt keinen schöneren Ort auf dieser Welt!
Ein Tag im Seglerverein Rahnsdorf ist wie eine Woche Südseeurlaub – und das nun schon seit hundert Jahren.“
Uwe Geißler
